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Die Geschichte der Dreadlocks

eine Reise durch verschiedene Kulturen

Jeder Mensch kann sich Dreadlocks wachsen lassen, indem er einfach aufhört zu kämmen. Dies gilt für jede Ethnie und jeden Haartyp. Natürlich entwickeln sich einige schneller als andere, aber wenn wir unsere Haare nicht kämmen, bekommen wir Verfilzungen, und wenn wir sie nicht lösen, bilden sie früher oder später Dreadlocks. Dies bedeutet, dass diese Frisur so alt ist wie die Menschheit selbst und keine Kultur ihr volles geistiges Eigentum beanspruchen kann. Die ersten Menschen, die Dreads trugen, waren wahrscheinlich Höhlenmenschen.


erste Hinweise


  • Der erste schriftliche Beweis stammt aus dem Jahr 1500 v. Chr.; er wird uns durch die alten heiligen hinduistischen Texte, die „Veden“ genannt, erbracht. In diesen Texten trägt Lord Shiva, eine der Hauptgottheiten des Hinduismus, sein Haar im sogenannten „Jaṭā“ (verfilzte Haarsträhnen, im Grunde dasselbe wie Dreadlocks). Auch im heutigen Indien ist es keine Seltenheit, Jaṭā-Haare zu sehen: so tragen die heiligen Männer namens „Sadhus“ ihre Jaṭā in großen Windungen auf dem Kopf. Sadhus glauben, dass das Tragen unserer Haare auf diese Weise den kosmischen Energiefluss erleichtert und dazu beiträgt, unser Bewusstsein zu heben.


  • Die ersten figurativen Belege stammen aus Griechenland und stammen aus einer ähnlichen Zeit wie die Vedentexte. Ein Fresko von der Insel Santorini zeigt Kämpfer mit Dreadlocks. Weitere Beweise aus der gleichen Zeit stammen aus Ägypten und anderen Teilen des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens, obwohl es manchmal schwierig ist, Dreadlocks von Braids in einem Basrelief oder einem Gemälde zu unterscheiden. Schon im alten Ägypten trugen die Menschen Dreadlocks bzw. Dreadlock-Perücken. Sogar Tutanchamuns Mumie hat Dreadlocks.


  • In Europa waren teilweise verfilzte Frisuren zeitweise populär, beispielsweise am Hof von König Christian IV. von Dänemark und Norwegen (1577–1648). Der König litt an einem Weichselzopf, einer unerwünschten Zusammenballung verfilzter Haare, die vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit in ganz Mitteleuropa verbreitet war. Der Weichselzopf des Königs hatte die Form eines „Schweineschwanzes“, der von der linken Seite seines Kopfes herabhing und mit einer roten Schleife verziert war. Um dem König zu schmeicheln, wurde diese Haartracht von den Menschen an seinem Hof imitiert. Auch in Kombination mit dem Mühlsteinkragen dienten verfilzte Zöpfe als modische royale Frisurenvariante. Weiterhin glaubte man auch, dass Krankheiten durch die Haare den Körper verlassen und sah die Verfilzung von Haaren als ein gutes Zeichen, daher durften diese nicht abgeschnitten werden. Zudem trugen französische Soldaten verfilzte Haare als Schutz vor Säbelangriffen auf den Nacken.


Dreadlocks und Spiritualität


Es scheint, dass Dreadlocks in der Geschichte oft eine spirituelle oder philosophische Bedeutung hatten. Dreadlocks sind als Teil der spirituellen Reise in vielen Religionen präsent: Wir haben die Präsenz von Jaṭā im Hinduismus bereits erwähnt, aber die gleiche Frisur ist auch im Buddhismus, Christentum und Islam auf sehr ähnliche Weise vorhanden. Buddhistische, christliche und muslimische Asketen, ähnlich den hinduistischen Sadhus, trugen Dreadlocks, um ihren Verzicht auf Eitelkeit und materielle Wünsche auszudrücken. Für viele von ihnen stand die Wahl zwischen Dreadlocks oder dem Rasieren der Köpfe.


Religionen neigen dazu, sich auszubreiten, und dabei tendieren sie dazu, Elemente der Kulturen, die sie durchqueren, aufzunehmen. Ihre eigenen repräsentativen Elemente verbreiteten sich mit ihnen, daher ist es sehr wahrscheinlich, dass sich heilige Männer in verschiedenen Religionen bei der Verwendung von Dreadlocks gegenseitig beeinflusst haben.


Dreadlocks sind jedoch seit der Antike auf allen Kontinenten als starkes kulturelles und soziales Symbol präsent. Es sieht so aus, als wären sich die alten Bevölkerungen, auch ohne viel Kontakt, über die Bedeutung von Dreadlocks einig. Im präkolumbianischen Amerika, Ozeanien und Afrika wurden Dreadlocks als soziales und kulturelles Symbol verwendet, das oft mit Schamanismus in Verbindung gebracht wurde. Diese Frisur stellte eine Verbindung mit dem Göttlichen und dem Geisterreich dar und war oft ein Symbol für Stärke und Integrität für Krieger und Häuptlinge.


Dreadlocks, Reggae-Musik und die Rastafari-Movement


Zitat Ciani Sophia Hoeder, die Gründerin des Rosamags:

„Zu Beginn der industriellen Revolution begann die Rastafari-Bewegung unter der Schwarz-jamaikanischen Bevölkerung an Popularität zu gewinnen. Die Rastafari beziehen ihren Glauben aus drei Hauptquellen: dem Alten Testament, der afrikanischen Stammeskultur und der hinduistischen Stammeskultur. Bevor es den Namen “Rastafari” erhielt, nannten sich seine Anhänger “Dreads”, was Respekt vor Gott bedeutet. Ein Spruch lautete: “Je länger deine Dreadlocks sind, desto näher bist du am Schöpfer.” Um den Nazaritern und hinduistischen Holymen nachempfunden zu sein, begannen sie, ihr Haar in verfilzten Stilen zu tragen, und genau zu diesem Zeitpunkt kam der Begriff “Dreadlocks” zur Anwendung. Als der Rastafarianismus als Bedrohung für das Christentum angesehen wurde, begannen die Verfolgungen und somit auch die Redefinition des Begriffs “Dreadlocks”. “Dreadful”, angsteinflößend sowie die Bedeutung “Angst” wurde von nun an mit Locs in Verbindung gebracht.“ 


Tatsächlich ist der Grund, warum Dreadlocks heutzutage so weit verbreitet sind, zum großen Teil das Ergebnis der zunehmenden Popularität der Reggae-Musik, die gegen Ende des letzten Jahrhunderts zu einem globalen Phänomen wurde. Reggae-Musik hat dazu beigetragen, die Rastafari-Botschaft zu verbreiten.


Das Rastafari-Movement ist eine körperliche und geistige Befreiungsbewegung, die im Kontext von Jahrhunderten des Kolonialismus und der Sklaverei entstanden ist. Es entstand in den 1930er Jahren in Gebieten, die von weißen Europäern brutal überfallen und kolonisiert wurden, insbesondere auf Jamaika und den umliegenden karibischen Inseln.


Die Geschichte dieser Orte ist rau. Nicht viele wissen, dass die Bevölkerung von Jamaika heutzutage zu 100% aus Nichteinheimischen besteht. Der Völkermord an den Eingeborenen geschah in etwas mehr als einem Jahrhundert, zuerst durch die spanischen Invasoren, die die Insel 1494 besetzten, und dann durch die britischen Kolonisten, die einige Jahrzehnte später die Spanier vertrieben. Die Bevölkerung von Jamaika, wie wir es heute kennen, setzt sich aus den Nachkommen von Sklaven zusammen, die aus britischen Kolonien, vor allem aus Afrika, aber auch aus Indien und anderen Ländern, mitgebracht wurden. Die Genetik dort ist auch mit weißen Europäern gemischt.


Der Sklavenhandel wurde Anfang des 19. Jahrhunderts illegal und die Sklaverei in Jamaika wurde 1834 offiziell abgeschafft, aber in Wirklichkeit wurden die Menschen immer noch über ein Jahrhundert lang durch psychologische Manipulation weiterhin versklavt. Der Wunsch nach Freiheit dieser Menschen verdichtete sich im Rastafari-Movement, das auf dem Christentum basierte, aber auch hinduistische Einflüsse aufweist. Zum Beispiel in der Verwendung von „Ganja“, der heiligen Pflanze von Lord Shiva (der vedischen Dreadlocks-Gottheit), die ursprünglich aus dem Himalaya kommt und stark mit dem Hinduismus verknüpft ist. Es scheint klar zu sein, dass die spirituelle Praxis des Tragens von Dreadlocks in der Rastafari-Movement sowohl aus afrikanischen als auch aus hinduistischen Hintergründen stammt.


In diesem Szenario war Reggae-Musik eine Möglichkeit, die Menschen aufzuheitern, ihnen Hoffnung und Kraft zu geben und sie in vielen Fällen zu informieren und zu erziehen, damit sie „stand for their rights“ können. Diese Musik und ihre Botschaft verbreiteten sich weiter und in den 70er Jahren wurde sie auf der ganzen Welt populär, wie sie es auch heute noch ist. Die Menschen in Europa begannen, die Rastafari-Movement zu unterstützen und wurden von der starken Botschaft der Hoffnung und Befreiung erfasst. Viele fingen an, Dreadlocks zu tragen, Rastafari-Symbole zu verwenden und Ganja zu rauchen.


Im gleichen Zeitraum begannen immer mehr Menschen aus dem Westen, Jaṭā-Haare zu tragen, nachdem sie Indien besucht hatten oder nachdem sie Hindus mit Jaṭā-Haaren getroffen hatten, die in andere Länder gereist waren. „Dreadlocks“ wurde zur gebräuchlichsten Bezeichnung für diese Frisur, die seitdem von allen möglichen Menschen angenommen wurde, darunter Hippies, Metalheads, und viele mehr. 


In der Vergangenheit wurden Menschen ihrer Identität beraubt, gedemütigt und zu Sklaven gemacht, indem ihnen unter anderem Recht verweigert wurde, ihre Haare so zu tragen, wie sie es wollten. Dies war besonders effektiv, wenn die Frisur eine starke kulturelle Bedeutung in Bezug auf die persönliche Identität hatte. Dies war und ist vor allem in afrikanischen Kulturen der Fall.  


Vor allem Box Braids und Cornrows sind typisch für die afrikanische Kultur. Auch wenn sie vielleicht auch in anderen Regionen verwendet wurden, waren sie in Afrika historisch gesehen am beliebtesten. Zitat: „In vielen afrikanischen Stämmen waren geflochtene Frisuren eine einzigartige Möglichkeit, jeden Stamm zu identifizieren. Braid-muster und Frisuren waren ein Hinweis auf den Stamm, das Alter, den Familienstand, den Reichtum, die Macht und die Religion einer Person. Flechten war und ist eine soziale Kunst.“ (Lies diesen schönen Artikel über die Geschichte der Braids auf byrdie.com)


Jahrhundertelang war das Tragen von Dreadlocks oder Braids eine der kühnsten rebellischen Handlungen von Sklaven, und die Bestrafung für das Tragen ihrer Haare auf diese Weise war oft brutal.

Heutzutage tragen viele Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, Glauben und Geschmack Dreadlocks oder Braids, was zu Kontroversen führen kann. Für viele ist die Bedeutung von Dreadlocks und Braids nicht die der physischen und psychischen Befreiung, oder der kulturellen Identität, oder Teil einer spirituellen Reise. Es ist „nur eine Frisur“. Und das kann für andere beleidigend sein.


Kulturelle Aneignung (cultural appropriation)


Wenn wir uns die Geschichte ansehen, ist es klar, dass keine Kultur Dreadlocks für sich beanspruchen kann, aber der Vorwurf der kulturellen Aneignung hat berechtigte Existenzgründe. Um dies zu verstehen, müssen wir dem Schmerz und dem Leiden, das Millionen von uns heute noch durchmachen, mehr Aufmerksamkeit schenken. Wenn wir zum Beispiel weiße Kaukasier sind, die in Europa, in den USA oder in einem anderen von Weißen dominierten Land aufgewachsen sind, ist es nicht so einfach, den strukturellen Rassismus zu bemerken. Das liegt schlicht daran, dass wir die ethnische Mehrheit sind. Struktureller Rassismus ist eine Reminiszenz an eine Geschichte, in der Menschen ethnischer Minderheiten systematisch ihrer Menschenrechte beraubt wurden. Gewalt gegen Menschen ist in unserer Gesellschaft noch bis heute teilweise akzeptiert, und der Kampf gegen Rassismus ist noch nicht beendet.


Wenn eine schwarze Person Dreadlocks oder Braids trägt, werden sie oft bei der Arbeit, in der Schule, beim Sport usw. diskriminiert. Wenn eine weiße Person Dreadlocks oder Braids trägt, ist die gleich Diskriminierung unwahrscheinlicher. Daher ist es klar, dass diese Frisuren oft verwendet werden, um rassistische Ideologien auszudrücken. Der Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ kann gewissermaßen als Aufruf zum Handeln verstanden werden, denn es gibt immer noch viel Rassismus und wir müssen uns alle dagegen stellen, da wir alle gleich sind.


Es ist sehr wichtig, sich des Themas „cultural Appropriation“ immer wieder bewusst zu machen, wenn wir uns entscheiden, Dreadlocks oder Braids zu tragen. Wir sind alle Teil dieser Gesellschaft und sind durch unsere Mentalität und unser Handeln miteinander verbunden und können so dazu beitragen die Situation aller zu verbessern.

  • Als erstes muss man natürlich anerkennen, dass der Vorwurf der „cultural Appropriation“ eine Folge anhaltender sozialer Ungerechtigkeit ist. Niemand kann für diese Frisuren exklusives Kulturgut beanspruchen, aber das Problem ist, dass sie oft eine Ausrede sind, um Menschen zu diskriminieren. Wir sollten unsere Mitmenschen verteidigen, wenn sie Diskriminierung erfahren: Schließlich möchten wir alle, dass andere uns verteidigen, wenn wir Opfer von Unrecht werden. Und bedenke Folgendes: Wenn Menschen jeder ethnischen Zugehörigkeit bei der Arbeit, in der Schule oder im Sport Dreadlocks oder Braids tragen, ist dies eine Gelegenheit, zu unterstreichen, dass wir tatsächlich alle gleich sind und es keinen Raum für Rassismus gibt.


  • Es ist wichtig, die Vorgeschichte ein wenig zu kennen, um vernünftig reagieren zu können. Dreadlocks und viele geflochtene Frisuren wurden von afrikanischen Nachkommen vor allem in den USA und Großbritannien populär gemacht, aber die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des kulturellen Austauschs.



Einige Quellen (auf Englisch):


Teile dieses Textes hat ursprünglich Margherita Orso Pletti - Italienische Dread Makerin, YouTuberin und Bloggerin auf italienisch verfasst. Ich habe ihn im Netz gefunden, für informativ und wichtig befunden undnoch Änderungen, bzw. Erweiterungen vorgenommen. 

 
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